Gouvernementalitätsanalysen

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von Priska

2. Mai 2021

Wo sind die SoziologInnen oder PolitikwissenschaftlerInnen, die Gouvernementalitätsstudien betreiben? Das was gerade – seit rund einem Jahr sehr unübersehbar – passiert, ist doch auf dem Silbertablett präsentierter Stoff für Gouvernetmentalitätsanalysen:

Gouvernementalitätsanalysen  fragen  nach  der  »Kunst  des  Regierens«  in
dem weiten Sinne, in dem Foucault den Begriff der Regierung verwendete:
Sie  untersuchen  Mechanismen  der  »Menschenführung«  (Foucault  2004a:
183) von der Mitarbeiterführung in Unternehmen, über die Erziehung von
Kindern  oder  die  alltäglichen  Kontrollpraktiken  in  öffentlichen  Räumen,
von Impf- und Präventionskampagnen bis hin zu staatlichen Steuerungsre-
gimes  oder  den  Strategien  transnationaler  Institutionen  wie  der  Europäi-
schen  Union  oder  der  Vereinten  Nationen.  
(…)
(…) Gouvernementalitätsanalysen eröffnen ein  epistemisch-politi-
sches  Feld,  das  Foucault  als  »Wahrheitspolitik«  bezeichnet  hat.  In  diesem
Punkt treffen sie sich mit diskursanalytischen Forschungen. Anders als die
traditionelle  Ideologiekritik  beschreiben  sie  Ideen,  Konzepte  oder  Theo-
rien nicht entlang der Unterscheidung wahr/falsch und unterstellen keinen
Gegensatz  von  Macht  und  Wissen.  Gouvernementalitätsanalysen  untersu-
chen  vielmehr,  über  welche  administrativen  Prozeduren,  diskursiven  Ope-
rationen,  Sprecherpositionen  und  institutionellen  Legitimationen  Wahr-
heiten  produziert  werden,  die  ihrerseits  Plausibilitäten  erzeugen:  Gouver-
nementale  Interventionen  erscheinen  immer  nur  innerhalb  bestimmter
Wahrheitsregime   denkbar   und   akzeptabel.  
(…)

In der Perspektive der Gouvernementalitätsstudien erscheint Freiheit
nicht als das Gegenteil von Macht, sondern als deren zentrales Medium.
Machtausübung ist nur dort möglich, wo es Freiheit, im weitesten Sinne
von Handlungsoptionen, gibt. Regierungspraktiken steuern nur in Aus-
nahmen durch unmittelbare Reglementierung. Das Prinzip von Befehl und
Gehorsam und erst recht die Ausübung von Zwang sind aufwändig und
mit hohen Risiken verbunden. Effektiver erscheint es, die Menschen anzu-
halten, sich selbst zu regieren, ihnen positive Anreize zu geben, ihre Frei-
heit in einer bestimmten Weise auszuüben. Regieren bedeutet Kraftfelder
zu generieren, die bestimmte Verhaltensformen wahrscheinlicher machen
sollen als andere.

Aus: Ulrich Bröckling und Susanne Krasmann: Ni méthode, ni approche. Zur Forschungsperspektive der Gouvernementalitätsstudien – mit einem Seitenblick auf Konvergenzen und Divergenzen zur Diskursforschung. URL: https://www.soziologie.uni-freiburg.de/personen/broeckling/dokumente/20-ni-methode-ni-approche.pdf

Gouvernementale Strategien zielen darauf ab, die Bevölkerung durch Regulation – zum Beispiel  hinsichtlich  ihrer  Generativität  (Geburts-  und  Sterblichkeitsraten),  Gesundheit, Produktivität und Mobilität – zu verwalten. Sie operieren auf der Ebene von  Populationen,  nicht  von  Individuen,  nutzen  Dispositive  der  Sicherheit,  d.h. strategische Arrangements von Diskursen und Praktiken, die Risiken minimieren sollen, und folgen dem Postulat ökonomisch zu kalkulierender Interventionen.

Aus: Ulrich Bröckling: Gouvernementalität – die Regierung des Selbst und der anderen. URL: https://link.springer.com/chapter/10.1007%2F978-3-531-19564-3_3

Aus meiner Sicht erschließt sich aus der Perspektive von Gouvernementalitätstudien, warum jede Verschwörungstheorie zu kurz griffe – und warum es bei dem Protest gegen die Regierungspraktiken derzeit nicht darum geht, eine Verschwörungstheorie anzunehmen: Wir brauchen keine Verschwörungstheorien, weil es nach der oben dargestellten Theorie keine „Verschwörung“ gibt. Eine Analyse nach den „methodologisch- analytischen Prinzipien“ der Gourvernementalitätsanalyse ist ungleich komplexer, kommt aber wahrscheinlich den zu bewältigenden Problemen und möglichen Lösungen wesentlich näher.

Bei der Recherche mit der Frage: „Was macht eigentlich Ulrich Bröckling? Was sagt er zum aktuellen Umbau der Gesellschaft?“ stieß ich auf Philipp Sarasin und fand einen Artikel zum aktuellen Geschehen: Mit Foucault die Pandemie verstehen? URL: https://geschichtedergegenwart.ch/mit-foucault-die-pandemie-verstehen/

Er kommt somit wohl auf ganz andere Schlussfolgerungen als Matthias Burchardt.